Kulturunterschiede in Asien: Die asiatischen Gesellschaften
Die Gesellschaftsstrukturen in Asien weisen Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede auf.
Folgender Artikel von Nico Winklmüller untersucht, wo hier die Grenzen verlaufen und welche Länder Asiens Gemeinsamkeiten aufweisen.
Gemäß dem deutschen Asienexperten Oskar Weggel lässt ich Asien in „universale“ und in „partikuläre“ Gesellschaften einteilen. Zu den Universalen gehören China, Korea, Japan und Vietnam, zu den Partikulären die Länder Süd- und Südostasiens. Universale Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie einem gemeinsamen Normensystem und Regelwerk folgen, welches die Menschen verbindet und zu einer Einheit zusammenwachsen lässt. Im Falle der genannten Länder China, Korea, Japan und Vietnam ist dieses grundlegende Normensystem der Konfuzianismus und das daraus resultierende Vater-Sohn-Verhältnis. Dieser konfuzianische Grundsatz ist in allen Bereichen wieder zu finden. So zum Beispiel zwischen dem Kreismagistrat und dessen Untertanen oder dem Regierungschef und seiner Beamtenschaft etc. Dies bedeutet, dass ganze Gesellschaftssystem in universalen Gesellschaften ist pyramidal und straff aufgebaut. Über die gesamte Gesellschaft verteilt, bestehen Verhaltensanalogien. Dies ist auch innerhalb von Dorf- oder Nachbarschaftsgemeinschaften und beispielsweise den Danweis in China der Fall. Alles ist straff organisiert und die Gemeinschaft, sei es nun ein Dorf oder das ganze Land ist wie eine große Familie, in der sich jedes Mitglied and vorgegebene Strukturen und Normen hält. Dieses Phänomen ist selbstverständlich auch bei den Auslandschinesen vorhanden. Natürlich gibt es auch hier immer wieder Ausnahmen, aber im Normalfall sind Gesellschaften wie die chinesische oder die japanische sehr homogen.
Im Gegensatz dazu existieren Weggel zufolge in partikulären Gesellschaften keine gemeinsamen Verhaltensmuster oder vorher erwähnte Verhaltensanalogien. Hier gibt es viele Gruppen, die alle ihre eigenen, von einander unabhängigen Regelwerke haben. Diese einzelnen Gruppen sind in sich ebenfalls schwach strukturiert und sind weit entfernt von einem Danwei-Charakter. Es besteht keine Gruppenbindung, sondern primär Paar-Beziehungen, die nach persönlichen Sympathien entstehen. Gute Beispiele für solche Gesellschaften sind Indien, mit seinen unzähligen Kasten und Subkasten oder Indonesien, dessen Landesmotto „Einheit in Vielfalt“ auf großen Partikularismus hinweist. Hinzu kommen in diesen Ländern auch noch Kommunalismus und Regionalismus, die das Partikuläre noch verstärken.
Eine Erklärung für die unterschiedlichen Gesellschaftstypen lässt sich vor allem in der landwirtschaftlichen Vergangenheit der Regionen finden. Hierbei gibt es die „hydraulische Theorie“, die für die universalen Gesellschaften gilt und die „ichthylische Theorie“ für die partikulären Gesellschaften.
Ein essentielles Mittel für den Ackerbau bzw. Reisanbau ist Wasser. Wenn dies nun von der Natur nicht ausreichend genug oder aber zu viel geliefert wird, bedarf es menschlichen Handelns, dem entgegen zu wirken. Um den Ackeranbau, und damit das Überleben zu sichern, mussten die Menschen, die in den betroffenen Regionen lebten, gemeinsam dafür sorgen, dass ein angemessenes Gleichgewicht hergestellt wird. Dies trifft verstärkt auf Regionen wie China, Vietnam, Japan und Korea zu, was der Grund ist, warum sich dort starke kollektive bzw. universale Verhaltensweisen und Gesellschaften entwickelten. Aufgrund des Bezugs zum Wasserbau heißt diese Theorie deshalb „hydraulische Theorie“.
In anderen Regionen, war die Wasserverteilung weitaus vorteilhafter für den Ackeranbau, was dann auch keine oder weniger gemeinsame Anstrengungen nach sich zog. Ein anderes Phänomen, welches hier mit zum Tragen kommt ist die Fischerei (daher der Name „ichthylische Theorie“), die nicht kollektiv durchgeführt werden musste. Aufgrund dessen haben sich in den Ländern Süd- und Südostasiens partikuläre, uneinheitliche Verhaltensmuster und Gesellschaften entwickelt. Ein anderer Faktor, der für Universalismus oder Partikularismus verantwortlich sein kann ist der Anteil an Minderheiten und anderen Volksgruppen. Während hier Japan und Korea eine relativ geringe Anzahl aufweisen, handelt es sich in Ländern wie Indien, Indonesien oder Laos um ein regelrechtes Mosaik von Volksgruppen. Man kann hier erkennen, dass allen Ländern Asiens der Kollektivismus und die Gruppenbildung gemeinsam ist, jedoch ist die Ausprägung unterschiedlich. Bei einer genaueren Betrachtung lassen sich fünf Gesellschaften unterscheiden:
Die erste Gruppe bilden die metakonfuzianischen Gesellschaften, zu denen China, Japan, Korea und Vietnam zählen. Trotz vieler verschiedener Gruppen oder Zellen existiert eine zentralistische Staatsideologie sowie gemeinsame, vorwiegend konfuzianische Werte, die für Homogenität sorgen.
Weiterhin gibt es die theravabuddhistischen Gesellschaften, die man in Thailand, Laos oder Birma vorfindet. Diese Völker sind eher individualistisch ausgerichtet, doch sorgt auch hier der Staat dafür, dass es zu keinen Aufspaltungen kommt.
Hinduistische Gesellschaften, wie beispielsweise in Indien, setzen sich aus vielen Gruppen (Kasten und Subkasten) zusammen. Diese vielen Gruppen finden ihre Gemeinsamkeiten über allgemein gültige Regelbücher und religiöse Grundwerte.
Die islamischen Gesellschaften in Asien lassen sich wiederum in zwei Gruppen untereilen. Da wären zum einen die malaio-islamischen Länder wie Brunei, Indonesien, Malaysia und die Südphilippinen. Die andere Gruppe sind die indo-islamischen Gesellschaften Bangladesch, Malediven und Pakistan. Der Islam hat sich in beiden Gruppen unterschiedlich entwickelt.
Die letzte Gruppe bildet der philippinische Archipel, der bis auf den Süden, katholisch geprägt ist.
Ungeachtet der unterschiedlichen Gesellschaftstypen, die in Asien vorherrschen, findet man jedoch durchgehend dieselben hierarchischen Muster Diese Muster sind alle vertikal ausgerichtet. In China spricht man vom Vater-Sohn-Verhältnis, in Japan vom Oyabun-Kobun-Verhältnis, in Indonesien vom Bapakismus, auf den Philippinen von den Barcadas und in Indien von der Kastenordnung. Dies sind alles ähnliche Formen von informellen Gefolgschaftsverhältnissen. Dieses Phänomen ist in allen Lebensbereichen aufzufinden (Familie, Schule, Arbeitsplatz etc.) und es geht im Grunde genommen um gegenseitige Loyalität und Sicherheit. Der Gefolgschaftsführer (Vater/Oyabun/Bapak etc.) gibt seiner Gefolgschaft ein Gefühl der Sicherheit und einen „roten Faden“, während die Gefolgschaft loyal ist und sich für den „Vater“ aufgeben würde. Unterschiede in den einzelnen Verhältnissen bestehen zum Beispiel darin, dass man dem japanischen Oyabun-Kobun-Verhältnis freiwillig beitritt, während man in die indische Kaste hineingeboren wird. Weiterhin kann im indonesischen Bapakismus der Vater (bapak) 30 Jahre alt sein, während das Kind (anak) 70 Jahre zählt – eine Konstellation, die man in einem Oyabun-Kobun-Verhältnis nie auffinden würde, da hier der Führer nach dem Senioritätsprinzip immer älter sein muss als der Geführte.
Autor: Nico Winklmüller
Grafik:
»Ost trifft West« oder der kleine Unterschied zwischen Chinesen und Deutschen
Tags: China, Asien, Kultur, Kulturunterschiede, Gesellschaft
Quellen:
Profil des Autors Nico Winklmüller
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