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Donnerstag, der 02.09.2010

Abschwung und Arbeitslosigkeit in China

Abschwung und Arbeitslosigkeit in ChinaBeunruhigend hohe Schätzungen über das Ausmaß der Arbeitslosigkeit infolge des weltweiten Abschwungs.


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Angesichts von Millionen Wanderarbeitern, die nach dem chinesischen Neujahrsfest wieder auf Arbeitssuche gehen, gibt es nun beunruhigend hohe Schätzungen über das Ausmaß der Arbeitslosigkeit infolge des weltweiten Abschwungs.

Chen Xiwen, Leiter des Parteibüros für Politik des ländlichen Raumes, spricht von 20 Millionen Wanderarbeitern, die in den letzten Monaten ihre Arbeit verloren hätten - nahezu ein Sechstel aller Wanderarbeiter. Diese erste Schätzung von offizieller Seite unterstreicht die Tragweite der Herausforderung, der sich die Regierung in Sachen Arbeitsmarkt und Vermeidung von Unruhen ausgesetzt sieht.

“Was werden die Wanderarbeiter, die ihre Jobs verloren haben, nach ihrer Rückkehr in die Heimat tun, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Das ist hinsichtlich der sozialen Stabilität im Lande eine wichtige Frage”, gab Chen auf einer Pressekonferenz in Beijing zu bedenken.

Die Regierung schätzt die Gesamtzahl der Wanderarbeiter auf 130 Millionen. Chens Ziffer von geschätzten 20 Millionen Wanderarbeitern, die ihren Job verloren hätten, stützt sich auf eine offizielle Erhebung, die im Januar in 15 Provinzen durchgeführt wurde. Dabei hat sich ergeben, dass 15,3 Prozent der Befragten ihren Job verloren haben oder keine Arbeit finden konnten. Chen geht davon aus, dass dieses Jahr bis zu 25 Millionen Wanderarbeiter auf der Suche nach Arbeit gehen werden, denn die Zahl der Arbeitssuchenden wächst jedes Jahr durchschnittlich um sechs bis sieben Millionen an.

Die Ungewissheit ist spürbar in Shuangyao, das nördlich des Jangtse in der zentralchinesischen Provinz Anhui liegt. Ungefähr 150 der Einwohner dieses Dorfes,in dem 60 Familien leben, arbeiten anderswo: in Metropolen wie Beijing oder in den Zentren der chinesischen Exportindustrie im Perlfluss-Delta. Nahezu alle gesunden, arbeitsfähigen Erwachsenen des Dorfes verdienen ihr Brot also außerhalb des Dorfes.

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Das chinesische Neujahrsfest ist die einzige Gelegenheit für diese Menschen in der Heimat mit ihren Familienangehörigen zusammenzukommen und zu feiern. In Shuangyao war die Stimmung dieses Jahr allerdings mehr als gedrückt.

Feuerwerkskörper, die früher die ganze Nacht hindurch gezündet wurden, verstummten diesmal bereits kurz nach Mitternacht. Ungefähr ein Viertel der Wanderarbeiter des Dorfes sind nicht einmal nach Hause zurückgekehrt, weil sie ihren Job verloren haben, sich die Fahrtkosten ersparen wollten oder sich einfach nicht mit schlechten Nachrichten in der Heimat sehen lassen wollten.

Diese Woche werden die Wanderarbeiter wieder auf der Suche nach Jobs ausschwärmen. ‘Ohne unsere Arbeit steht das Dorf mit leeren Händen da”, sagt Ye Guangzhao, der in der Nachbarprovinz Jiangxi mit Getreide- und Saatgut handelt. “Wir müssen wieder hinaus und unter allen Umständen Arbeit finden.”

Jeder der Wanderarbeiter von Shuangyao überweist jedes Jahr Beträge im Gegenwert von 1400 bis 2000 US-Dollar in die Heimat. Ohne diese Gelder könnten sich ihre Angehörigen - vor allem Kinder und Großeltern - kein Schulgeld, zusätzliche Kleidung oder Fernseher leisten.

Landwirtschaft scheidet als Einkommensquelle aus, denn Shuangyao weist eine hohe Bevölkerungsrate aus. Im Schnitt verfügt eine Familie über zwei Mu (ca. 1300 Quadratmeter) Ackerland. Das genügt für den Eigenbedarf, reicht aber nicht aus, um durch den Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnis Bargeld zu erwerben.

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Daraus ergibt sich, dass nur die wenigsten Wanderarbeiter die Hoffnung hegen, es daheim zu etwas zu bringen. Ye Xiangbin, ein 24 Jahre alter ehemaliger Armeeangehöriger, arbeitete in einer Schuhfabrik. Den Job hat er verloren, als sein Chef aus Taiwan die Firma im Perlfluss-Delta Ende letzten Jahres schließen musste. Niedergeschlagen kehrte Ye ein paar Monate vor dem Neujahrsfest nach Hause zurück. Jetzt will er wieder hinaus und hofft, dass sich die Lage bessern wird: “Ich will es noch ein paar Monate versuchen, ich habe keine andere Wahl.”

Die Anstrengungen der Regierung haben dazu beigetragen, die Armut in Shuangyao zu mildern. Im letzten Jahr wurde die Zugangsstraße ins Dorf asphaltiert, so können Motorräder nun in zwölf Minuten eine Distanz bewältigen, für die ein Fußgänger früher Stunden gebraucht hat. Die Steuern wurden herabgesetzt und ein System ländlicher Gesundheitsversorgung wurde eingeführt.

Die chinesische Regierung befürchtet, dass arbeitslose Wanderarbeiter ein Unruheherd werden könnten. Funktionäre haben in den letzten Wochen Unternehmen dazu angehalten, von Entlassungen nach Möglichkeit abzusehen. Zugleich wurden Ersatzleistungen und Förderprogramme ausgebaut, in deren Genuss Wanderarbeiter gelangen sollen. Die Erfassung von Arbeitsmarktdaten soll ebenfalls verbessert werden, da Wanderarbeiter in offiziellen Statistiken bislang nicht erfasst sind, weshalb sich die gegenwärtige Krise auch noch nicht in den Arbeitslosenzahlen niedergeschlagen hat.

Chen Xiwen ermahnt die Lokalregierungen, aufkeimende Proteste friedlich beizulegen: “Wenn es zu Protestaktionen kommen sollte, müssen sich die Funktionäre persönlich an die Bevölkerung wenden, den Menschen die Situation erklären und ihren Unmut beschwichtigen.”

Die Einwohner von Shuangyao sagen, dass sie nicht die Regierung für den Abschwung verantwortlich machen. Allerdings erwarten sie von ihr, dass sie Maßnahmen ergreift, um einen Aufschwung einzuleiten.

Lokalregierungen im gesamten ländlichen Raum haben Programme aufgelegt, die Rückkehrer dazu ermuntern sollen, sich durch Eröffnung eigener Geschäfte selbständig zu machen. So hofft man, die Arbeitslosigkeit nach den Boomjahren an Chinas Ostküste auffangen zu können.

In Shuangyao scheint dies jedoch keine Option zu sein. Die Bauern sagen, dass hier die Armut einfach zu weit verbreitet ist, um aussichtsreiche Geschäftsaktivitäten zu entfalten.

“Man kann einfach nur das Dorf verlassen”, sagt Wu Luo, ein 35-jähriger Bauarbeiter, der seit dem Verlassen der Schule im Alter von sechszehn Jahren Wanderarbeiter ist. “Die Bedingungen sind einfach erbärmlich und es gibt hier nichts zu tun für uns.”

Beijing Rundschau für China-Observer.de

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Quellen:
Beijing Rundschau

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